Es war Nacht und ich lief weg.
Nach Tagen von Einsamkeit und Schmerz hatte ich die Chance bekommen und sie ergriffen, nun lief ich allerdings eine Straße entlang, hatte keine Ahnung wo ich war, hatte schon eine Ewigkeit nichts getrunken, geschweige denn gegessen und meine Pfoten taten mir weh. Ich hatte nur ein Ziel vor Augen, zurück nach Hause zu gelangen. Dies gestaltete sich allerdings schwieriger als ich ursprünglich gedacht hatte.
Ich verstand immer noch nicht was passiert war. Warum hatte Er es zugelassen, dass sie mich mitnehmen? Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, Er hat mich einfach weggegeben. Aber warum? Der Schmerz der mit diesen Gedanken verbunden war, breitete sich wieder in meiner ganzen Brust aus. Warum wollte Er mich nicht mehr haben? Ich hatte doch alles für Ihn getan.
Nun war ich bei Menschen gelandet die mir so ein blödes Halsband mit Zacken angezogen und mich vorm Haus an einer kurzen Leine angbunden hatten. Keine Kinder zum spielen, nur wiederliches Essen, Schläge wenn ich nicht jeden anbellte und diese endlose Einsamkeit.
Ich weiss nicht wie lange ich dort gewesen war, die Tage hatten sich hingezogen wie ein stück gummi an dem zwei Hunde zur gleichen Zeit ziehen. Irgendwann hatte ich mir nicht mehr die Mühe gemacht zu zählen.
Eines Tages kam der Mann zu mir, ich duckte mich, bereit für meine Schläge. Statt dessen jedoch nahm er mich von der Kette und griff mein Halsband, ich sah dass er mich wohl zum Auto führen wollte. Mit einem Funken Hoffnung dachte ich „Er bringt mich zurück. Er hat gemerkt , dass ich für anderes gemacht bin als für die Kette!“. Ich stieg also voller Hoffnung ins Auto.
Nach einer ganzen Weile Fahrt hielt das Auto, mittlerweile war es Abend geworden. Als ich aus dem Auto rausprang stellte ich erschrocken fest, dass wir nicht wieder bei meinem alten Zuhause waren. Ich hörte angstvolles gejaule von Artgenossen und einige andere Geräusche die ich nicht identifizieren könnte. Und es roch… nach Blut… Erstarrt blieb ich stehen. Der Mann zerrte an meinem Halsband, doch meine Pfoten waren am Boden festgewachsen. Mir kam es eine Ewigkeit vor, wie ich da starr vor Schreck stand. Dann drehte ich mich blitzschnell, biss dem Mann in die Hand und rannte in die Dunkelheit. Ich hörte kaum noch das Geschrei und die Flüche des Mannes, ich rannte und rannte und rannte.
Irgendwann kam ich an eine Straße und dieser war ich gefolgt. So irrte ich nun schon einige Tage umher ohne zu wissen wo ich war und ich fing an die Hoffnung zu verlieren. Es fing schon wieder an dunkel zu werden und ich war mit meiner Suche kein Stück weiter gekommen.
So in meine Gedanken versunken, hatte ich nicht bemerkt, dass die Dämmerung sich zur tiefsten Nacht entwickelt hatte und ich nicht mehr im Freien war. Ich lief am Rand von einer Art Höhle und es führen erschreckend viele von diesen „Autos“ darin herum. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Es roch schrecklich hier drin und ich war vollkommen orientierungslos. Matt brach ich zusammen und legte mich einfach hin. Ich wusste nicht wohin ich gehen sollte.
- 2 -
Es war ein schöner Nachmittag am Strand gewesen und nun saß Jessy mit ihrer Mutter an der Strandpromenade, aß ein cremiges Schoko-Eis und sie beobachteten den Sonnenuntergang. So mochte Jessy es am liebsten, zu beobachten wie die Sonne langsam im Horizont auf dem Wasser aufsetzt und dann im weiten Meer versinkt. Am Himmel waren die schöhnsten Farben ineinander verwoben. Von tiefsten rot in orange, grün und türkis, mit wolkentupfern, die das ganze in eine surrealistische Szenerie verwandelten.
Obwohl nun langsam die Dunkelheit kam war es warm. Es war Sommer und daher hatten sie noch Temperaturen um die 25°C, es war wirklich angenhem.
-Lass mal los, die Tiere warten auf ihr Abendbrot- sagte Jessys Mutter. – Und wir müssen noch nach hause fahren-
- Aber lass uns durch den Tunnel fahren - sagte Jessy – Nachts finde ich den Wald oben so gruselig-
- Ja? Na gut. Dann ist es erst recht Zeit. Da brauchen wir nämlich länger- Erwiederte sie und stand auf.
Sie gingen zum Auto. Mittlerweile war es schon fast dunkel, das ging schnell sobald die Sonne einmal weg war.
Sie fuhren los und hörten dabei deutsche Schlager. Das taten sie gerne, denn ihnen kamen die Texte so irrsinnig vor, dass sie sich immer darüber lustig machten. Ausserdem, verbreiteten diese Lieder gute Stimmung. Sie fuhren also und lachten über die Fantasien so mancher Liedertexter.
Schon bald fuhren sie die Bergstraße hoch die zu dem Tunnel führte der die Bergkette der Insel einmal durchquerte. Es war relativ viel auf der Straße los, anscheinend hatten viele den Sonnigen Samstag genutzt um Familie zu besuchen, einkaufen zu gehen oder einfach oben auf dem Berg am Rastplatz mit Freunden zu grillen.
Sie fuhren in den Tunnel rein. Ungefähr in der Mitte des Tunnels sah Jessy rechts auf dem Gehstreifen etwas weißes liegen – Mami! Ich glaube da liegt ein weißes Hundchen!- Da waren sie schon dran vorbei gefahren. – Mami! Du musst umdrehen, der wird da überfahren! – Jessy sah sie mit Tränen in den Augen an. Sie sah wie ihre Mutter mit sich rang. Als sie aus dem Tunnel raus waren, schaute sie Jessy noch einmal an, dann fuhr sie eine Schleife, zurück in den Tunnel.
Nun fuhren sie auf der falschen Seite, aber Jessy konnte erkennen, dass dort tatsächlich ein weißer Hund lag. Schon waren sie wieder vorbei.
Draussen drehte ihre Mutter noch einmal. Nun fuhren sie etwas langsamer in den Tunnel rein, was ihnen ungedult von den Autos hinter ihnen einbrachte. Dann erreichten sie den Hund. Sie fuhren einen VW Bus und Jessy hatte sich schon hinten an der Schiebetür positioniert. Sie riss sie auf und schrie – Komm, komm, spring rein!! – Der Hund schaute auf, aber reagierte erst nicht – Nun komm schon! – Schrie sie ihn tränenüberströmt an. Die Autos hinter ihnen fingen an zu Hupen. Da sprang er endlich rein. Erleichtert zog Jessy die Tür zu und ihre Mutter fuhr weiter.
Nun konnte sie das „Hundchen“ betrachten. Von „Hundchen“ kein Spur. Es war ein weißer Hund von der Statur eines zu groß geratenen Schäferhunds, mit Schwarzen Ohren und grauer Schnauze, der sie mit großen Augen ansah. Jessy sah in seine Schokobraunen Augen und wusste im gleichen Moment, dass sie einen Seelenverwandten gefunden hatte.
Ihre Mutter drehte sich kurz zu ihnen um und sagte – HundCHEN? Von CHEN kann da keine Rede sein -
- 3 -
Plötzlich war ein Geräusch anders als das Surren der vorbeifahrenden Autos. Ich schaute auf und blickte in ein großes Auto aus dem mich ein Mädchen ansah und mir irgendwas zuschrie. Ich brauchte eine ganze Weile bis ich begriff. Als ich begriff sprang ich einfach, meine Beine taten dass, was mein Instinkt sagte ohne, dass mein Kopf dazu gekommen war darüber nachzudenken. Vielleicht war es die Verzweiflung die ich sehr wohl in der Stimme des Menschenmädchens verstanden hatte.
Kaum war ich drin, schloss sich die Tür durch die ich gesprungen war und das Mädchen schaute mich erleichtert an. Ich sah eine zuneigung in Ihren Augen, wie ich sie sehr lange nicht mehr gesehen hatte und mit einem Schlag war auch ich unendlich erleichtert.
Ich hörte wie eine andere weibliche Menschenstimme von hinter mir etwas sagte, ich verstand es nicht und es war mir auch egal, denn alles was ich brauchte saß vor mir und schaute mir in die Augen. Ich war zuhause.
